Turkish Bath / Türkisches Bad

Himmlisches Hamam: dies ist die Waschung der Lebenden.
Die der Toten könnte nicht gründlicher sein. (Man wüßte es gern).
So von Kopf bis Fuß eingeseift, mütterlich geschrubbt und bespült,
Wurde das Kind von drei Jahren noch. Und so anfangsfern,
Fühlt der Körper: Da, zum letzten Mal, war ihm alles vergeben.
Ehrliche Haut, sehnst dich nach Wärme und hast es gern kühl.
Je älter je unwahrscheinlicher bist du, gibs zu.
Auf dem blanken
Marmortisch, unterm Knie des Masseurs, dem kein Speck entgeht,
Keine Falte, kein Muttermal, ist es dem Dunst nur zu danken,
Daß er nicht tiefer blickt durch behaarte Schwarten, dein Exeget.
Fehlt nicht viel, und du wirst (siehe Marsyas) vom Fleisch geschält
Mit rauhem Handschuh (kese). Der Osmane kennt keine Gnade.
Dich als Teppich zu klopfen, den Teig der Schöpfung zu kneten,
Ist Teil der Übung, die reinste Höflichkeit. Mann, das stählt!
Lange liegt man dann schläfrig, ins Tuch eingerollt als Roulade
Unter der Kuppel des Dampfbads — stumm mit den Füßen betend.
~ Durs Grünbein

Born in Dresden in 1962, Durs Grünbein is the most significant and successful poet to emerge from the former East Germany. A modern poeta doctus, his streetwise, ironic style belies at first the deep seriousness of his project and the emotional resonance at its core. Grünbein has published more than thirty books of poetry and prose, which have been translated into dozens of languages. He himself has also translated, including work by Aeschylus and Seneca. 

Karen Leeder’s translations of German poetry have appeared in a variety of journals. Her volume of Evelyn Schlag’s ‘Selected Poems’ with Carcanet in 2004 won the Schlegel-Tieck Prize in 2005 and she received a Deutscher Übersetzerfonds award for her translation of Ulrike Almut Sandig in 2014. In 2013, she received first prize in the Stephen Spender competition with her translation of Durs Grünbein’s ‘Childhood in the Diorama’.

Durs Grünbein, ‘Türkisches Bad’, taken from: Durs Grünbein, ‘Koloss im Nebel. Gedichte’
© Suhrkamp Verlag Berlin 2012

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